Montag, 3. Oktober 2011

You Money! und Meskel

Um es gleich vorwegzunehmen: Fotos gibt es momentan keine, die Internetverbindung bei uns zu Hause ist zwar modern via UMTS Stick aber leider entspricht die Geschwindigkeit etwa der eines 56KB Modems...
Vorletztes Wochenende sind wir nach Debre Zeyt gefahren. Das liegt ungefähr 40 KM ausserhalb von  Addis. Also ungefähr so wie wenn wir von Bern nach Langenthal fahren würden. Den Strassenverkehr habe ich ja bereits letztens ausführlich beschrieben. Trotzdem möchte ich hier nochmals zwei Begebenheiten die für uns doch eher ungewöhnlich sind ausführen: Wenn man hinter einem Lastwagen her fährt und diesen nicht überholt, weil man in einer Kurve einfach nicht sieht ob etwas entgegenkommt, dann heisst das noch lange nicht, dass man nicht selbst von einem Lastwagen überholt werden kann. Und wenn auf dem Mittelstreifen plötzlich Pferde stehen ist das auch nicht besonderes denn es ist ja jedem klar: Das effizienteste Mittel um Fliegen zu verscheuchen ist starker Wind und von diesem gibt es auf einem Überlandstrassenmittelstreifen ja von beiden Seiten reichlich.
Jedenfalls haben wir die abenteuerliche Fahrt problemlos überstanden und sind dann in der Viewpointlodge in eine andere Welt eingetaucht. Kein Lärm, kein Smog und eine herrliche Aussicht auf einen kleinen Kratersee (Lake Babugaja) in dem man sogar schwimmen kann und eine Bedienung die einem nach mehrmaligem zurufen jeden Wunsch von den Lippen liest und dann wieder vergisst.  Das schwimmen wird einem von der Lokalbevölkerung leider nicht empfohlen. Nicht wegen der Bilharziose sondern weil in der Nacht der Teufel aus dem See steigt.
Wir hatten Glück, der Teufel hat uns nicht geholt und so haben wir uns am nächsten Tag auf eine kurze Wanderung zu einem nahe gelegenen Kratersee gemacht. Bisher wahr ich es ja gewohnt das man mir quer über die Strasse oder beim vorbeigehen „Farantsch“ oder „Farantschi“ (so etwas wie Ausländer) zuruft. Das kann einem auch eine alte Oma zurufen und es ist nicht wertend gemeint. Vielleicht denken die Leute auch, dass wir ohne die Zurufe vergessen würden, dass wir Ausländer sind. Jedenfalls habe ich nun noch weitere „gängige“ Anreden für Weisse „gelernt“: Beim gemütlichen Wandern zwischen Eseln und Frauen, die jeweils ungefähr die gleichen Lasten tragen, kahmen aus allen Richtungen Kinder angerannt. Anstelle des „Farantschi“ oder scheuen berühren der weissen Haut hiess es aber einfach: „You money money“ und wer nicht so gut englisch konnte hat sich einfach auf „money money money“ beschränkt. Die Wanderung um den Kratersee war aber trotzdem sehr schön und irgendwann hat man sich auch an das einem ständig begleitende Hintergrundgeräusch von „money money money money money money“ gewöhnt.
Nach dem kurzen Abstecher aufs „Land“ gings in Addis gleich mit dem Meskelfest weiter. Dies ist eine Feier zur Wiederauffindung des halben Kreuzes (Wikipedia weiss mehr).  Die ganze Stadt versammelt sich dann auf dem Meskelsquare und lauscht andächtig stundenlanger Predigten bis dann endlich das Meskelfeuer angezündet wird. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber bereits irgendwo in der Stadt und habe an einem kleinen, weniger andächtigen, dafür umso ausgelasseneren Meskelfeuer, fröhlich mit geklatscht, gesungen und getanzt. OK, gesungen und getanzt habe ich nicht aber ich habe beim Klatschen immerhin im Tackt gewippt…
Später war ich noch in einer Kneipe in der es Äthiopische Musik und Tanz gab. Der traditionelle Tanz ist etwas gewohnheitsbedürftig. Die Männer wie auch die Frauen lassen ihre Schultern ruckartig nach vorne und hinten schnellen. Alternativ dazu können die Männer auch ihren Kopf nach vorne und hinten schnellen lassen, sozusagen ein überdeutliches und überschnelles nicken (Wahrscheinlich die urform des Hedbanging). Beim Höhepunkt des Liedes kann es vorkommen, dass der Tänzer beide Bewegungen vereint und dann noch animalische Grunzlaute von sich gibt. Auf jeden Fall eine spannende Angelegenheit.
Richtig lustig wurde dann aber der Teil mit dem Poetry Slam. Begleitet von einem Zupfinstrument gehen die Tänzer vor dem Puklikum auf und ab und stellen wahllos Leute aus dem Publikum bloss. Die Pointe wurde jeweils, ähnlich einem Kalauer, mit einer Melodie unterstrichen. Der Ferentschi (Wir erinnern uns: Ausländer) wurde natürlich auch nicht ausgelassen. Da ich kein Wort verstanden habe konnte ich nur dümmlich grinsen und weiter an meinem „Tatsch“ (Honigwein) nuckeln. Nuckeln deshalb weil Tatsch in bauchigen Fläschchen getrunken wird an denen man effektiv etwas nuckeln muss.
Den zweiten Tag des Meskel Festes habe ich dann, vielleicht auch etwas wegen dem Tatsch, gemütlich im Garten unseres Hauses verbracht.
Die Reisenden unter euch kennen das ja, zwischendurch muss man Urlaub vom Reisen machen. Das mag jetzt paradox klingen und eigentlich reise ich ja auch nicht aber vieles fühlt sich hier noch nach  Reisen an und da tut einem ein Tag ohne irgendwelche Beschäftigung wirklich gut.